Der erste Schritt der Kurzgeschichtenanalyse: Sinnabschnitte führen zur Struktur

Wie der Begriff "Analyse" es schon ausdrückt: Der Anfang einer jeden ernsthaften Beschäftigung mit einem Text und damit auch mit einer Kurzgeschichte ist ihre Zerlegung in Sinnabschnitte.

Unter Sinnabschnitten verstehen wir Textbereiche, die inhaltlich zusammengehören. Von den Nachbarbereichen sind sie dementsprechend dadurch abgetrennt, dass dort etwas Neues beginnt.

Wir wollen das im Folgenden mal am Beispiel einer Kurzgeschichte durchspielen:

Abschnitt 1: Der Einstieg - direkt mit Zielspannung

Hajo Frerich,

Gekonnt ist gekonnt

Als Marco an diesem Morgen aufwachte, war das erste, was er sah: Regen, der so richtig ans Fenster klatschte. Das erste, woran er dachte, war, wie er einigermaßen trocken in die Schule kam. Wenn er irgendwas hasste, dann war es dieses schräge Sitzen auf dem Fahrrad, gegen den Wind ankämpfend, während man merkte, wie das Wasser sich seinen Weg in die Kleidung bahnte.

  • Kommentar:
    Der erste Abschnitt wird zusammengehalten durch das Aufwachen eines Menschen in einer besonderen Situation und die Gefühle, die das auslöst, woraus letztlich auch ein Problem entsteht, das gelöst werden muss.
  • Genau das ist das erzählerische Ziel dieses ersten Abschnittes: Im Leser soll die Vorstellung entstehen, dass da ein Problem ist, das gelöst werden muss. Daraus entsteht auch ein bestimmtes Maß an Zielspannung.

Abschnitt 2: Es entsteht eine erste Lösungsidee

Sein Blick fiel auf das Plakat an der Wand mit dem Spruch: „Du kannst alles erreichen – du musst es nur geschickt anstellen!“ Darunter standen die ganzen Ratschläge, die sie während der Projektwoche im letzten Jahr zusammengestellt hatten. Also raus aus dem Bett und wenigstens einmal überfliegen. Schon beim dritten Punkt hatte er eine Idee.

  • Dieser Abschnitt wird ausgelöst durch den Blick auf das Plakat, eine eher zufällige Geschichte.
  • Glücklicherweise passt das, worum es auf dem Plakat geht, zur Situation, so dass er es liest.
  • Am Ende steht eine Idee, d.h. das Problem nähert sich jetzt einem Lösungsansatz.

Abschnitt 3: Versuch der Umsetzung der Idee - aber erst mal Widerstand

Als er zum Frühstück unten ankam, schaute ihn sein Vater kurz an: „Was ist los? Du siehst ja noch lustloser aus als sonst.“

Während er sich Kaffee eingoss, legte er mal vorsichtig los: „Nö, mit Lustlosigkeit hat das nichts zu tun. Hast du mal gesehen, wie das draußen regnet?!“

„Ja, warum?“

Jetzt kam es drauf an: „Du weißt doch, ich bin schon erkältet und ich muss unbedingt übermorgen in der Schule fit sein. Wir schreiben da doch die Deutscharbeit. Könntest du mich nicht auf dem Weg zur Arbeit eben an der Schule vorbeibringen?“

Sein Vater schwankte zwischen Erstaunen über eine solch lange Rede am frühen Morgen und Empörung:

„Du bist vielleicht gut. Du weißt genau, dass ich heute erst um neun im Büro sein muss. Und jetzt ist es kurz nach sieben.

  • Dieser Abschnitt präsentiert dann die Umsetzung der Idee, nämlich die geschickt vorgetragene Bitte an den Vater, ihn zur Schule zu bringen.
  • Am Ende ist allerdings wieder ein Problem da, denn der Vater will das nicht.

Abschnitt 4:

Und tatsächlich es funktionierte. Der Vater hatte kurz überlegt und dann sein Tagesprogramm offensichtlich umgestellt. „Okay, an mir soll deine Deutscharbeit nicht scheitern.

  • Der Trick, den Marco wohl den Plakat hinten nehmen und noch im Gedächtnis hat, sieht wohl so aus, dass er seine Bitte durch einen geschickten Vorschlag unterstützt, der auch erfolgreich ist.
  • Die Funktion des Abschnitts ist, dass Marco bisher sehr erfolgreich war, beziehungsweise seine Erfolgsserie noch einen weiteren Erfolg anhängen konnte.

Abschnitt 5:

 A propos Arbeit. Wie sieht das eigentlich bei dir in Mathe aus? Beim letzten Mal ist das ja wohl ziemlich danebengegangen und du wolltest noch ganz viel tun.“

Da konnte man direkt den Tipp Nr. 4 einsetzen: „O, gut, dass du mich erinnerst. Ich wollte heute sowieso mit dem Lehrer sprechen und ihn fragen, was ich noch unbedingt üben sollte. Ich hatte ihm einige Hausaufgaben mitgege.

Man ben. Also mach dir keine Sorgen. Albert Einstein stand in Mathe schließlich auch mal mangelhaft und du weißt ja, was aus dem geworden ist.“

Während er den Satz zu Ende formulierte, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte. Regel Nr. 7: Nicht übertreiben.“

  • In diesem Absatz hat Marco zum ersten Mal die Fäden nicht in der Hand, sondern wird von einer Frage seines Vaters überrascht, die für ihn wohl eher unangenehm ist.
  • Es gelingt ihm aber mithilfe eines weiteren Ratschlag, das gut zu kontern, indem er sofort im Sinne seines Vaters einen Plan äußert.
  • Deutlich wird aber auch, dass man bei solchen kommunikativen und rhetorischen Ratschlägen nicht übertreiben sollte.

Abschnitt 6:

Glücklicherweise hatte sein Vater den Schlusssatz wohl gar nicht mehr richtig wahrgenommen, sondern auf die Uhr geschaut. Das war noch mal gut gegangen.

Im Auto hatte Marco immer noch die Regel Nr. 7 im Kopf und ließ seinen Vater erst mal in Ruhe. Wer weiß, welche Fallen er sich sonst da noch selbst aufgestellt hatte. Während er also kurz in seiner WhatsApp-Gruppe nachschaute, was es Neues gab, meinte sein Vater plötzlich:

„Sag mal, das finde ich jetzt ja gar nicht gut. Da nehme ich dich hier im Auto mit und will mich mal mit dir unterhalten und du bist nur mit deinem Handy beschäftigt.

Marco verstaute den Stein des Anstoßes in der Tasche und murmelte entschuldigend: „O, das wusste ich nicht, ich dachte, du wolltest deine Ruhe haben, da wollte ich dich nicht stören.“

So viel Einfühlungsvermögen stellte seinen Vater offensichtlich zufrieden, außerdem waren sie an der Schule angelangt.

  • Dieser Abschnitt wird zusammengehalten durch die gemeinsame Autofahrt.
  • Man könnte ihn noch unterteilen, aber letztlich geschieht ja nicht viel, außer dass Marco sich hier wieder konfliktmildernd oder konfliktverhindernd verhält.

Abschnitt 7:

 Kaum war Marco ausgestiegen und hatte seinem Vater zum Abschied zugewinkt, sah er, was er sich erspart hatte. Jede Menge Schüler in dieser nach vorn gebeugten Haltung, zum größten Teil klatschnass. Etwas besser ging es seinem Freund Nico, der wohnte schräg gegenüber und hatte doch tatsächlich den Familienschirm mitgenommen und meinte nur in scheinbarer Bewunderung: „Na, da hat aber wieder einer seine ganze Familie unter Kontrolle.“

Marco hatte keine Lust auf das Thema und erledigte es mit einem sprachlichen Abräumer „Ja, gekonnt ist gekonnt.“

  • Dieser Abschied nimmt noch mal das Motiv des Regens auf und verstärkt den Eindruck der Geschicklichkeit, mit der Marco heute einem Problem ausgewichen ist.
  • Außerdem wird deutlich, dass er sich nicht mit Dingen lange beschäftigt, die ihm wenig bringen. Da weicht er eher aus.

Abschnitt 8:

 Zu Beginn der Deutschstunde dachte er immer noch an seinen Erfolg bei seinem Vater. Meistens wurde jeder Antrag in Richtung Papa-Taxi rundweg abgelehnt.

Er bekam dann auch gleich Gelegenheit, sein Glück noch mal zu probieren, denn der Lehrer wandte sich süß lächelnd an ihn: „Marco, ich glaube, du bist heute mit dem Protokoll dran.“ Also jetzt hieß es eine Variante seines Frühstückstricks probieren: „Grundsätzlich kein Problem, aber ich habe zur Zeit eine Sehnenscheidenentzündung im rechten Arm. Sobald die weg ist, bin ich wieder voll dabei.“ Und siehe da, es funktionierte, auch wenn Nico, der neben ihm saß, am Ende ironisch lächelnd zu ihm rübersah. Zu mehr kam er nicht, denn er hatte als nächster Kandidat fürs Protokoll keine Entschuldigung parat und musste also schreiben

  • Auch diesen Abschnitt könnte man noch einmal unterteilen, da aber der erste Teilabschnitt nicht von besonderer Bedeutung ist, schlagen wir ihn dem Abschnitt zu, in dem Marco einen weiteren Erfolg erreicht, indem er für sich das Protokoll vermeidet.
  • Der Schluss mit Nico hat die Funktion, noch mal seine Geschicklichkeit zu unterstreichen.

Abschnitt 9:

Während Marco sich langsam für einen Weltmeister in der Disziplin „Überreden“ hielt, hatte er bald Gelegenheit, auch mal jemand anders zu bewundern: Nachdem der Deutschlehrer die halbe Tafel voll geschrieben hatte, brach ihm das letzte Stück Kreide auseinander und der Fingernagel verursachte ein hässliches Kreischen.

Wie so häufig, blickte Herr Schneeberger hilfesuchend zu Nina, die in der ersten Reihe saß und den Wolkenhimmel betrachtete, durch den langsam die ersten Sonnenstrahlen brachen: „Nina, könntest du nicht eben Kreide holen?“ Die überraschende Antwort haute Marco fast um: „Ja, für Sie doch immer!“ So was hatte er von Nina noch nie gehört. Die wusste normalerweise, wie man Abstand hielt.

Aber als er das kleine Ping-pong-Spiel kurz checkte, war klar: Sieg auf der ganzen Linie. Der Lehrer war zufrieden, Nina hatte ein bisschen Auslauf aus dem Unterricht und ihre leicht ironisch übertriebene Antwort machte ganz offensichtlich in der Klasse Eindruck. Dabei war sie eigentlich schon der heimliche Star, wenn auch meistens eher nicht auf der zuckersüßen Schokoladenstraße unterwegs.

Aber dann wurde es noch besser: „Kann nicht Mara mitkommen, damit mir nichts unterwegs passiert?!“ Der Lehrer schluckte kurz, dachte dann wahrscheinlich an seine Aufsichtspflicht und reagierte mit einem Kopfnicken und einer Handbewegung, die so was wie Zustimmung signalisieren sollte.

Beim Rausgehen stieß Nina dann fast mit Dr. Norberg zusammen, der gerade vorbeiging. Während ihr Deutschlehrer zur Überbrückung in seiner Tasche kramte und wohl irgendwas suchte, bekam Marco noch mit, wie Nina wieder in diesem zuckersüßen Ton sagte: „Ach, Herr Norberg, schön, Sie zu sehen.“ Dann war die Tür leider zu.

  • In diesem Abschnitt geht es, wie der Erzähler ja selbst deutlich macht, darum, dass dieser erfolgsverwöhnte Marco nun auch noch jemanden erlebt, der noch geschickter ist als er.
  • Denn es ist in der Regel schwieriger, mit einem Lehrer umzugehen als mit dem eigenen Vater.
  • Das gelingt Nina aber sehr gut.

Abschnitt 10:

Aber in der anschließenden Pause machte er sich gleich an Nina ran und fragte, was sie von dem Lehrer gewollt hatte. Die Antwort war überraschend ehrlich: „Nun ja, wir haben doch gleich Geschichte – eine gute Gelegenheit, den Mann zu fragen, inwieweit Napoleon der Abschluss der Französischen Revolution war.“ Marco war perplex: „Und er hat nicht gefragt, warum er dir das auf dem Flur beantworten soll?“ „Na ja, als mein ehemaliger Geschichtslehrer hat er sich wohl geschmeichelt gefühlt – und ich habe natürlich noch hinzugefügt: Da gab es letzte Stunde eine Diskussion zu und wir konnten uns nicht einigen. Und ich wusste ja, wie sehr der auf Schülerdiskussionen steht“.

Marco wusste jetzt, dass er noch viel lernen musste, aber auch viel erreichen konnte. Während Nina abrauschte, fiel ihm ein, was sie gesagt hatte, als sie nach einer Viertelstunde endlich mit der Kreide erschien: „O sorry, aber wir haben Herrn Norberg getroffen …“ „Herrn Dr. Norberg!“ so die Ermahnung des Deutschlehrers. „Stimmt, hatte ich ganz vergessen, aber er hatte eine Frage zur Stimmung in der Stufe von wegen Geschichtsleistungskurs und da wollte ich ihn nicht im Regen stehen lassen.“ Das letzte betonte sie besonders, während auf den Heizungen immer noch Kleidungsstücke vor sich hindampften.

  • Diesen letzten Abschnitt behandeln wir auch gesondert, weil hier eine gewisse zeitliche Distanz dazwischen liegt.
  • Außerdem zeigt sich hier, dass Nina nicht nur geschickt ist, sondern auch raffiniert und dabei an der Grenze des Erlaubten operiert.
  • Denn ihr Deutschlehrer könnte ja den Geschichtslehrer nach dem Gespräch mit Nina fragen und wenn sich denn da was anderes herausstellt, könnte das unangenehme Konsequenzen haben.
  • Am Ende hat man keinen eigenen richtigen Abschied mehr, aber einen schönen Abschluss, der das Motiv des Regens noch einmal aufnimmt und zum Abschluss bringt.
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