Vorstellung einer besonderen Analysemethode

Je schwieriger ein Text ist, umso wichtiger ist es, sich ihm geschickt zu nähern. Am besten liest man möglichst vorab keine Interpretationen oder Informationen zum Autor - das hilft zwar, wenn man mit Hilfe eines anderen an ein Ziel kommen möchte. Aber besser ist es, sich erst mal selbst Gedanken zu machen - dann kommt man erstens zu eigenen Erkenntnissen - und manchmal findet man auch Dinge, die in anderen Interpretationen nicht vorhanden sind.

Zwei Grundprinzipien sind wichtig:

  1. Sich dem Text "induktiv" nähern - d.h. sich von ihm selbst "einführen" (das heißt nämlich "induktiv") lassen.
  2. "Hermeneutisch" vorgehen - damit ist gemeint, dass man zunächst nach flüchtigem Lesen ein erstes Vorverständnis entwickelt und das dann immer mehr am Text prüft. Das heißt: Das Verständnis entwickelt sich weiter, wird immer besser, je mehr und je länger man sich mit dem Text beschäftigt.

 Im Folgenden zeigen wir einfach mal an einer Parabel von Kafka, wie weit man damit kommen kann.

Wir präsentieren hier die Textelemente, zerlegen sie in Bestandteile und kommentieren dann das, was wir lesen. Außerdem machen wir uns Gedanken dazu.

Fortlaufender Aufbau des Verständnisses

Franz Kafka

Der Kreisel

  1. [Vorstellung des Protagonisten und das Besondere an ihm]
    1. Ein Philosoph trieb sich immer dort herum, wo Kinder spielten.
      • Ausgangspunkt der Erzählung,
      • Hinweis auf einen besonderen Menschen,
      • Gegensatz von hoher Bildung und kindlicher Ahnungslosigkeit,
      • Negative Konnotation (mitschwingende Bedeutung) im Hinblick auf sein Verhalten: „trieb sich [...] herum“
      • Vermutung, dass damit etwas Negatives verbunden ist
    2. Und sah er einen Jungen, der einen Kreisel hatte, so lauerte er schon.
      • genaueres Eingehen auf das, was der Philosoph auf dem Spielplatz macht
      • Aufnahme des Titels ("Der Kreisel") und damit des zentralen Objekts der Geschichte (Kreisel)
      • Erneute Verwendung eines Verbs mit negativer Konnotation „lauerte“
      • Besonderheit: Vermutung einer Gefahr für andere
    3. Kaum war der Kreisel in Drehung, verfolgte ihn der Philosoph, um ihn zu fangen.
      • Genaueres Eingehen auf das "lauern"
      • Hypothese der Gefahr entfällt
      • Dafür eher besonderes Interesse, Objekt der Begierde
    4. Dass die Kinder lärmten und ihn von ihrem Spielzeug abzuhalten suchten, kümmerte ihn nicht,
      • Verhältnis des Philosophen zu den Kindern, Distanz, Konzentration auf sich selbst
    5. hatte er den Kreisel, solange er sich noch drehte, gefangen, war er glücklich,
      • Phase 1 des Besitzes des Kreisels: Glück, solange sich der Kreisel noch dreht
    6. aber nur einen Augenblick, dann warf er ihn zu Boden und ging fort.
      • Phase 2 des Besitzes des Kreisels: Kurzzeitigkeit des Glücks, gewalttätiges Ende des besonderen Verhältnisses zum Kreisel und Abgang des Philosophen
  1. [Hintergrund des Verhaltens]
  • . Er glaubte nämlich, die Erkenntnis jeder Kleinigkeit, also zum Beispiel auch eines sich drehenden Kreisels, genüge zur Erkenntnis des Allgemeinen.
      • Erklärung des Verhaltens in einer besonderen Vorstellung: aus Kleinigkeiten ließen sich allgemeine Erkenntnisse ableiten
      • Anmerkung: unklar ist, was genau mit "jeder Kleinigkeit" gemeint ist
      • Interpretations-Einfall: wenn man das zufällig weiß: Gestalttheorie: das Ganze ist mehr als die Summe der Teile
  1. Darum beschäftigte er sich nicht mit den großen Problemen, das schien ihm unökonomisch.
      • Konsequenz des Grundansatzes: keine Beschäftigung mit „großen Problemen“,  Grund: Unwirtschaftlichkeit, wenn man auch aus Kleinigkeiten das Ganze ableiten kann
  1. War die kleinste Kleinigkeit wirklich erkannt, dann war alles erkannt, deshalb beschäftigte er sich nur mit dem sich drehenden Kreisel.
      • Rückbindung beziehungsweise Anwendung auf den Kreisel: das Drehen scheint diesem Philosophen Kleinigkeit genug, um daraus etwas Großes abzuleiten
      • Kritische Anmerkung: Auch hier bleibt unklar, was genau mit der Kleinigkeit gemeint ist, denn zu dem Drehen des Kreises gehören ja viele Rahmenbedingungen
  1. [Schluss: Das Scheitern und der Umgang damit]
  • . Und immer wenn die Vorbereitungen zum Drehen des Kreisels gemacht wurden, hatte er Hoffnung, nun werde es gelingen,
      • Vertiefung der Erklärung mit genauem Eingehen auf die inneren Abläufe im Philosophen:
        Schritt 1: die Hoffnung in der Vorbereitungsphase
  • und drehte sich der Kreisel, wurde ihm im atemlosen Laufen nach ihm die Hoffnung zur Gewissheit,
      • Phase 2: Veränderung der Hoffnung in Gewissheit beim Anblick des sich drehenden Kreisels
  • hielt er aber dann das dumme Holzstück in der Hand, wurde ihm übel und das Geschrei der Kinder, das er bisher nicht gehört hatte und das ihm jetzt plötzlich in die Ohren fuhr, jagte ihn fort,
      • Phase 3: Enttäuschung nach dem Aufhören der Drehbewegung, die Umgebung des Spielplatzes peinigt ihn jetzt und treibt ihn fort (spiegelbildliche Aufnahme eines Elements aus dem Anfangsteil
  • er taumelte wie ein Kreisel unter einer ungeschickten Peitsche.
      • Schlussbemerkung des Erzählers mit Herstellung einer Verbindung zwischen dem Objekt der Begierde und dem Philosophen selbst
      • Dazu Einbeziehung eines neuen Elements, nämlich einer Antriebspeitsche für den Kreisel, die nicht sachgerecht gehandhabt wird
      • Hier muss jetzt wohl eine Vermutung die Interpretation abrunden, indem man das Besondere eines so genannten Peitschenkreisels vorstellt
      • https://de.m.wikipedia.org/wiki/Peitschenkreisel

Die Frage nach der Intention der Geschichte:

  1. Ausgangshypothese:
    Es handelt sich um eine Parabel, wie sie für Kafka typisch ist:
    Es wird nur der Bildteil geliefert, man weiß aber, wenn man viele Parabeln von ihm gelesen hat, dass in den Parabeln ein bestimmtes Bild der Welt und des Menschen in der Welt präsentiert.
  2. Der wichtigste Teil in einer Parabel ist der so genannte "Gemeinsame Punkt", d.h. die Verbindung von Bildteil und Sachteil.
  3. Beim Bildteil ermittelt man den gemeinsamen Punkt, indem man die zentrale Aussage der Geschichte versucht zu formulieren.
  4. In diesem Fall geht es ganz offensichtlich um ein falsches Verhalten: Der Philosoph kann auch mal auf einen Kinderspielplatz gehen, er sollte sich dort aber nicht "herumtreiben". Diese vom Autor verwendete Formulierung deutet an, dass er ein Fremdkörper ist, sich nicht wirklich für das kindliche Spiel interessiert, sondern eigenen Ideen folgt.
  5. Ganz deutlich wird das falsche Verhalten an dem Hinweis, dass der Philosoph darüber hinaus sogar gegen die Interesse bzw. den Willen der Kinder handelt.
  6. Hypothese:
    Letztlich ist das wohl Folge einer fixen Idee, die mehr oder weniger im luftleeren Raum steht, denn es gibt ja keinen einzigen Hinweis darauf, welche allgemeine Gesetzmäßigkeit dieser Philosoph am sich drehenden Kreisel erkennen will.
  7. Außerdem bleibt die Frage der Kleinigkeit unbestimmt, denn zum Drehen des Kreises gehören ja ganz viele Umstände und Faktoren, für die dieser Philosoph sich überhaupt nicht interessiert.
  8. Letztlich kommt er einem vor wie jemand, der sich eben nicht kindlich verhält, sondern kindisch.
    Die Kinder nutzen den Kreisel seiner Funktionsweise gerecht und spielerisch.
    Der Philosoph dagegen missachtet alle Spielregeln der Wissenschaft und folgt seiner fixen Idee.
  9. Auch in seinem Verhalten nach dem Ende der Kreiselbewegung zeigt sich das Kindische: Wie ein Trotzkopf wirft er das Holzstück (also das, was vom Kreisel am Ende übriggeblieben ist) zu Boden und wird durch das Geschrei der Kinder jetzt aus einer brüchigen Denkblase herausgerissen, was ihn zur Flucht veranlasst.
  10. Die Bemerkung des Erzählers am Schluss vertieft den Eindruck noch, dass hier jemand Opfer seiner eigenen fixen Idee wird, was zum Taumeln führt, also einer nicht natürlichen Bewegung. Am Ende hat man den Eindruck, dass die erstmals erwähnte Peitsche deutlich macht, unter welch einem neurotischen Zwang dieser Philosoph steht, letztlich wirkt er krank.
  11. Wenn man jetzt nach einer Übertragungsmöglichkeit auf die Wirklichkeit der Welt sucht, könnte man als Deutungshypothese formulieren:
    1. Die Geschichte zeigt zunächst einmal eine falsche Herangehensweise an die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten.
    2. Das wäre aber noch ganz auf der Ebene der Intentionalität, also der Aussage der Geschichte selbst.
    3. Sinn bekommt die Geschichte, wenn man den Philosophen mit einem, vielleicht sogar: dem Menschen gleichsetzt, der hilflos ist angesichts der Kreiselbewegung der Welt, ihr nur mit falschen Ansätzen begegnen kann und am Ende nur isoliert und unglücklich sein kann.
  12. Wenn man sich ein bisschen mit den Geschichten von Kafka auskennt, fällt einem eine andere Geschichte ein, nämlich "Auf der Galerie".
    Auch dort geht es um eine Welt, in der eine Zirkusreiterin zu Höchstleistungen angetrieben wird, allerdings wird dort eher der schöne  Schein dieser Welt in den Vordergrund gerückt, die nur ein Zuschauer ansatzweise erkannt.

Zum Schluss noch eine Ergänzung:

Nach dem Drehen des Videos ist uns noch aufgefallen, was mit dem "Allgemeinen" gemeint sein könnte.

Das Video ist unter der folgenden Adresse zu finden:

Wir beziehen uns dabei auf Kafkas Parabel "Eine kaiserliche Botschaft".

Dort sitzt jemand am Fenster und erträumt sich die Botschaft eines sterbenden Kaisers, die ihn aber nie erreichen wird. Das kann so etwas wie der Sinn des Lebens sein oder auch die Erkenntnis, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Damit ist dann der Übergang zum Philosophen in dieser Geschichte leicht möglich: Er ist noch schlechter dran als der Mann am Fenster, der auf die kaiserliche Botschaft wartet - denn er weiß nicht einmal, was der da eigentlich herauskriegen will und verbeißt sich dann in die Einzelheit des Kreiselns, was ihn selbst zum Taumeln und Kreiseln bringt - angetrieben von einer "Peitsche", die aus seiner Sehnsucht nach dem Allgemeinen genauso kommt wie aus seinem falschen, neurotischen Ansatz.

Näheres zur "kaiserlichen Botschaft" in dem folgenden Video: