1. Ausgangspunkt:
    1. Jemand schreibt eine Interpretation zu Kafkas „Der Schlag ans Hoftor“
    2. Inhalt: Der Erzähler ist mit seiner Schwester unterwegs, die schlägt unterwegs mal kurz an ein Hoftor oder auch nicht - und ab dann tauchen Verfolger auf - die interessieren sich dann gar nicht mehr für die Schwester, die der Erzähler vorsichtshalber weggeschickt hat, sondern schnappen sich den Erzähler und machen ihm klar, dass er eigentlich verloren ist.
    3. und bringt gleich das Problem mit seinem Vater ein: Kafka hatte Probleme mit seinem Vater - und das Schicksal dieses Erzählers ist eine Art Angsttraum des Sohnes, also Kafkas.
  2. Das ist eine absolute Verengung des Gesichtspunktes
    Viele Schüler werden gewissermaßen darauf abgerichtet: Sie wissen, Kafka hatte Probleme mit seinem Vater – also suchen sie danach.
    Das Problem dabei ist: Häufig findet man was Passendes, ist glücklich und hat übersehen, dass der Text noch viel mehr enthält – als nur diese mögliche biografische Komponente.
  3. Wenn man nämlich nur die Geschichte selbst nimmt, dann kann man das Schicksal dieses Erzählers durchaus auf die ganze Menschheit übertragen - so wie es Kafka in vielen Erzählungen macht, die eigentlich Parabeln sind, mit denen er unsere Situation in der Welt deutlich macht.
  4. Anderes Beispiel: Dichterlesung - der Autor beginnt mit dem markanten Satz und schaut dabei auch noch ein bisschen grimmig:
    „Heute Morgen habe ich meine Schwiegermutter erschlagen.“
  5. Wer entsetzt ist im Publikum, hat nicht mitbekommen, dass es eine literarische Lesung ist – oder er hat das Wesen der Literatur nicht begriffen
  6. Literatur ist wie jede andere Kunst der Versuch der Loslösung vom eigenen Ich, der Überschreitung der eigenen Identität. Man kann auch sagen: Man testet spielerisch Personen, Situationen, Entwicklungen.
    Der berühmte altgriechische Philosoph Platon hat übrigens davon gesprochen, die Dichter würden lügen – selbst er hat anscheinend nicht verstanden, was Poesie ist. Denn diese angeblichen Lügen sind spielerisch und können viel Freude machen oder auch Eindruck, man denke an Märchenerzähler.
  7. Berühmtes Beispiel: Kleist, „Michael Kohlhaas“: Hier wird durchgespielt, wie jemand zum Terroristen wird.
  8. Und am interessantesten ist es, wenn der Schriftsteller nicht vorher schon alles im Kopf hat, sondern die Geschichte sich auch entwickeln lässt.
  9. Bei Kleist ist es zum Beispiel so, dass irgendwann in der Novelle plötzlich eine Zigeunerin auftaucht, die die Zukunft voraussagt – aus dem sehr realistischen Text wird ein sehr romantischer.
  10. Fazit: Am besten Texte ohne Nennung des Verfassers ausgeben  und dann seine Aussagemöglichkeiten komplett ausschöpfen– erst am Schluss die literaturgeschichtliche Frage stellen: Wie passt dieser Text in das Leben und das Werk des Autors?
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  11. Nachtrag:
    Wie sehr man zwischen literarischem Text und Autor unterscheiden sollte, kann man auch daran sehen, dass die meisten Autoren ihre eigenen Werke nicht interpretieren mögen. Das kann man häufig bei Lesungen in der Schule erleben. Schüler stellen dem Autor die Fragen, die der Lehrer ihnen normalerweise stellt oder schon gestellt hat - und der Autor verweist darauf, dass im "Buch" oder im Gedicht alles stehe, was für die Beantwortung der Frage wichtig sei.
    Am Beispiel von Judith Hermann haben wir im Hinblick auf ihre Erzählung "Sommerhaus später" in einem Video aufgezeigt, welche Probleme entstehen können, wenn Autoren ihre eigenen Texte kommentieren:
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