Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen, Sechster Brief

Im Folgenden zeigen wir, wie man sich einen recht schwierigen Text von Schiller klarmachen kann.

Wir präsentieren hier unsere Bearbeitung des Textes und den daraus sich ergebenden erläuternden Kommentar.

Schon ein kurzer Vor-Verweis:

Wir haben uns nach der eigenen Durcharbeitung des Textes mal die Wikipedia-Zusammenfassung angeschaut und präsentieren am Ende dieser Seite das Ergebnis.

Uns hat das folgende Schaubild auf jeden Fall mehr geholfen, uns einen Überblick über die Struktur der Position Schillers zu verschaffen.

Zunächst ein zusammenfassendes Schaubild

 Mat1170 eig SB Friedrich Schiller ästhetische Erziehung Sechster Brief

Das Schaubild versteht man am besten, wenn man sich unsere Bearbeitung auf den folgenden Seiten angeschaut hat.

Hier eine vorläufige Zusammenfassung, die das eigene Lesen sicher erleichtert.

  1. Schiller geht wie alle deutschen Klassiker von einem idealen Griechenland aus, in dem der Philosoph und der Künstler noch in einem Menschen gemeinsam sein konnten, wodurch er als Einzelner zum "Repräsentanten seiner Zeit" wurde.
  2. Die schlechte Nachricht ist dann, dass dieses harmonische Neben- und Ineinander dann getrennt wurde:
    1. Auf der einen Seite weiterhin der intuitive Zugriff auf die Welt in der Kunst, der Poesie
    2. Auf der anderen Seite der "spekulative", gemeint ist wohl der wissenschaftliche bzw. philosophische Zugriff
  3. Die Folge ist,
    1. dass der Mensch zu einem "Bruchstück" in einer zudem immer differenzierter ausgeprägten und von einem hochorganisierten Staat kontrollieren Gesellschaft wird.
    2. Genies gibt es noch, aber sie haben es schwer, werden vom Staat auch gar nicht gewollt.
    3. Was die beiden großen getrennten Strömungen angeht, kommt es zu Fehlentwicklungen.
    4. Allerdings muss Schiller auch zugeben (was m Schaubild fehlt), dass zwar die Gesamtheit der Menschheit heute betrachtet werden muss, der Einzelne eben nicht mehr "Repräsentant", typischer Vertreter seiner Epoche ist.
      Aber hin und wieder gibt es doch große Erfinder und Denker, die als Individuen die Entwicklung vorantreiben. (S. 155ff)
  4. Überraschend dann der Hinweis,
    1. dass es sich um eine notwendige Entwicklung handelt - die Griechen hätten gar nicht mehr auf ihre Weise erreichen können.
    2. Darin liegt für Schiller auch etwas Positives, denn neben all dem Negativen, dem er sich zuwendet, gibt es auch Positives.
    3. Das Problem ist und bleibt aber, dass heute (zu Schillers Zeit und sicher darüber hinaus) alles Zwecken unterworfen sei - hier deutet Schiller am Ende an, dass es eine Rettung geben könne, nämlich durch "eine höhere Kunst".

 Erläuterung des Gedankengangs Schillers

Ein kurzer Hinweis zu dem Brief davor, auf dessen Inhalt sich Schiller ja am Anfang bezieht.

Kernpunkte des 5. Briefes:

  1. Schiller stellt fest, dass sich die Menschen seit der Französischen Revolution nicht mehr alles gefallen lassen.
  2. Allerdings hat sich die Erwartung, daraus würde nun die "wahre Freiheit" ergeben, hat sich als "vergebliche Hoffnung" erwiesen.
  3. Bei den niederen Klassen zeigen sich "rohe gesetzlose Triebe" - die Gesellschaft "fällt in das Elementarreich", also eine urzeitliche Welt zurück.
  4. Was die zivilisierten Klassen angeht, so sieht Schiller bei ihnen "Schlaffheit" - vor allem zeigt die "Aufklärung des Verstandes" "im ganzen so wenig einen veredelnden Einfluss auf die Gesinnungen, dass sie vielmehr die Verderbnis durch Maximen befestigt."
  5. Vor allem versagt die Kultur, "entwickelt mit jeder Kraft, die sie in uns ausbildet, nur ein neues Bedürfnis". Das ist letztlich der Punkt, der Schiller am Ende des 6. Briefes "eine höhere Kunst" fordern lässt.

Mat1170 Tk1 Friedrich Schiller ästhetische Erziehung Sechster Brief

 

Mat1170 Tk2 Friedrich Schiller ästhetische Erziehung Sechster Brief

 

Mat1170 Tk3 Friedrich Schiller ästhetische Erziehung Sechster Brief

 

Mat1170 Tk4r Friedrich Schiller ästhetische Erziehung Sechster Brief

 Download-Möglichkeit des Briefes mit der Bearbeitung und der Kommentierung

Link zur PDF-Datei, kann hier heruntergeladen werden

 Fixierung einer Wikipedia-Zusammenfassung im Text

Nachdem wir uns selbst durch den Text hindurchgearbeitet haben, wollen wir jetzt mal schauen, inwieweit die Elemente der Zusammenfassung, die sich in Wikipedia findet, am Text auch aufzuweisen ist.

Der Wikipedia-Artikel ist hier zu finden:

Stand: 13.12.2019-23:30

    • a
    • Im Text zu finden in den Zeilen ...
    • a

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_die_%C3%A4sthetische_Erziehung_des_Menschen#6._bis_10._Brief

  1. "6. Brief:
    Die Einheit der „Sinne“ mit dem „Geist“ der antiken Griechen hat sich durch den Fortschritt der Wissenschaft und der Staatsordnung weiterentwickelt"
    • Das ist eine ziemlich umfassende Gesamtaussage, die allerdings nicht deutlich macht, dass diese Weiterentwicklung eine Menge Probleme mit sich bringt, die nur schwer zu beheben sind.
  2. "zu Lasten des einzelnen Individuums, das nur noch einen Teil seiner Anlagen entfalten kann."
    • Im Text zu finden: 77ff
    • Auch 41ff
  3. "Die Trennung von einzelnen Wissenschaften, von Kirche und Staat, von Gesetzen und Sitten auf gesellschaftlicher Ebene entfremden den Menschen durch Arbeitsteilung und Spezialisierung;"
    • Wissenschaften: 45ff
    • Staat, Kirche, 65
    • Gesetze, Sitten: 65/66
  4. "die Aufteilung in Stände entfremden ihn von der in ihm angelegten Harmonie, der Einheit zwischen Körper und Geist."
    • Stände: 47/48
    • Harmonie (der innere Bund): 48/49
  5. "Der Mensch wird „zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft“."
    • 78ff
  6. "Der Theoretiker hat ein „kaltes Herz“, weil er das Ganze zergliedert und damit der emotionalen Wirkung beraubt wird,"
    • 126ff
  7. "während der Geschäftsmann ein „enges Herz“ hat, weil er über seinen Horizont nicht hinausschauen und das Ganze nicht sehen kann."
    • 127ff
  8. "Der Fortschritt darf nicht zu Lasten des Einzelnen gehen."
    • Das ist sicher nicht die Kernaussage des Textes: In Wirklichkeit geht es ihm in ihm
      • zum einen um die Unabänderlichkeit einer Entwicklung von der Einfachheit der Griechen zu den komplexen Gesellschaften der Moderne,
      • ihre negativen Folgen
      • und die Möglichkeiten, diese "durch eine höhere Kunst" zu beheben

Siehe auch:

Lese-Tipp: Auszug aus der Schiller-Biografie von Peter-André Alt zu Schillers Briefen "Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen"

https://schnell-durchblicken3.de/index.php/themen/literatur-allgemein/174-peter-andre-alt-schiller-aesthetische-erziehung