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Mat1119b Traum von Dürrenmatt

Hajo Frerich / Nick Mastermann

(Anmerkung der Redaktion: Während "Hajo Frerich" schon seit einiger Zeit ein Pseudonym eines viel für uns schreibenden Deutschkollegen ist, war sein Ko-Autor aus seinem Deutschkurs nicht davon abzubringen, sich diesen seltsamen Kunstnamen auszuwählen.)

Wie Herr Dürrenmatt einem Deutschlehrer im Traum erschien

Als der Deutschlehrer Dirk Nörgens an diesem Morgen im Lehrerzimmer erschien, wirkte er noch „durchgeistigter“ als sonst. Dieses Attribut hatte er sich wahrlich hart erarbeitet, weil er immer mal wieder leicht die Augen verdrehte und dann plötzlich Thesen vertrat oder auch von Sachen erzählte, die den anderen mehr als spanisch vorkamen. Als das Wort mal gefallen war, hatte sich gleich eine Spanisch-Kollegin empört, war dann aber von einem Geschichtskollegen beruhigt worden: Das hätte mit der großartigen spanischen Kultur um 1500 zu tun und würde nur bedeuten, dass etwas einem doch sehr fremdartig vorkomme – und das Fremde habe ja nun mal immer das Potenzial der kulturellen Bereicherung. Darauf herrschte wieder Frieden und Nörgens hatte seinen Beinamen weg: „der Durchgeistigte“. Allerdings war auf dem Schulhof daraus von Schülerseite auch mal „der Durchgeknallte“ geworden – dem Betreffenden hatte das eine deutliche Ermahnung eingetragen.

Heute also hatte Nörgens wieder diesen seltsamen Blick ins Leere – er würde sagen: Ins Weite. Aber sei’s drum. Entscheidend war, dass seine erste Stunde ausfiel und er die Zeit nutzen konnte, sich zu Helene Weidkamp zu setzen, die ein großes mütterliches Herz hatte, das so ziemlich jeden einschloss. Sie konnte es sich deshalb auch leisten, direkt zu sein: „Sag mal Dirk, was geht dir so im Kopf herum?“ Nörgens stockte und blickte unsicher: „Willst du das wirklich wissen?“ „Hätte ich sonst gefragt?!“ Das war mehr Ermunterung als echte Frage. Also fasste er sich ein Herz und erzählte, was ihm in der Nacht passiert war:

„Wir lesen doch in der Oberstufe zur Zeit „Die Physiker“ – und die gehen mir ziemlich im Kopf herum.“

Wieso das denn?“

„Nun, ich finde das Stück ja ziemlich schwach –  da werden so ziemlich alle Erfindungen der Welt in einen Topf geworfen – und sofort ist die ganze Welt bedroht.“

Helene unterrichtete den Parallelkurs und konnte von daher gleich kontern: „Aber es geht doch vor allem um die Atombombe.“

„Klar, die Atombombe – aber dazu gehört schließlich auch deren friedliche Nutzung.“

Jetzt war Empörung angesagt: „So, friedlich nennst du das, wenn zum Beispiel ein Atomkraftwerk wie Tschernobyl in die Luft fliegt und halb Europa mit seinen Strahlen belastet?“

Jetzt musste ihr Kollege zurückrudern: „Ja, klar, ist schon in Ordnung. Aber ist es die Aufgabe von Physikern zu entscheiden, welche ihrer Erfindungen geheim bleiben dürfen und welche nicht?“

„Ja, wer denn sonst?“ Man merkte, dass seine Kollegin noch ganz unter dem Eindruck Dürrenmatts stand.

„Nun, vielleicht die demokratisch gewählten Politiker?“

Daran hatte Helene noch nie gedacht.

Ihr Kollege setzte noch einen drauf: „Politiker mit ihren ganzen Beamten haben doch einen viel größeren Überblick und auch die Möglichkeit, den Umgang mit den Forschungsergebnissen kontrollieren zu lassen.“

Seine Kollegin war sichtlich beeindruckt, was er aber gar nicht zu bemerken schien. Stattdessen kam er endlich auf den Punkt:

„Du, Helene, das ist nicht das, was mich beunruhigt …“

Jetzt wurde es spannend – die Kollegin wurde ganz still, schaute nur ganz intensiv – das war bei ihr Aufforderung genug.

Ihrem Kollegen fiel die Eröffnung seines Geheimnisses sichtlich schwer: „Nun ja, Dürrenmatt ist mir heute Nacht im Traum erschienen.“

Seine Kollegin, die gerade ihren Kaffee trank, hätte sich fast verschluckt? „Wer ist dir heute Nacht erschienen?“.

„Nun ja, ich träume manchmal ziemlich intensiv – und diesmal hatte ich plötzlich das Gefühl, dass da jemand vor mir stand und leise, aber sehr eindringlich zu mir sagte: „Dirk, du musst es deinen Schülern sagen.“ Als ich fragte, was? meinte die Gestalt, die genauso aussah wie in dem Doku-Film, den ich den Schülern gezeigt hatte nur im beschwörenden Flüsterton: „Nun ja, diese Physiker habe ich doch ziemlich unter dem Eindruck der damaligen Bedrohungslage geschrieben. Ich wollte dann später noch eine zweite Fassung schreiben, in der ich das mit dem Zufall anders darstellte – denn natürlich kann man sich mit Vorsicht gegen Zufälle wappnen. Und der Möbius musste damit rechnen, dass alles, was er aufschreibt, auch gefunden wird. Die Ärztin musste nicht irre sein, wie ich immer geglaubt habe – sie hätte die Notizen auch bei irgendeiner Auf- oder Umräumaktion finden können – oder den Möbius hätte ein Herzinfarkt treffen können – und dann wären die Notizen auch in der Welt gewesen – und die Menschheit war ja angeblich noch nicht reif für sie.“

Die Kollegin war völlig baff, hatte sehr aufmerksam zugehört: „Sag mal Dirk, das ist ja Wahnsinn – das habe ich noch nie irgendwo gelesen – und ich habe bestimmt zehn Interpretationen und Unterrichtshilfen durchgearbeitet – schließlich ist es das erste Mal, dass ich das Thema mache.“

Jetzt war es an der Zeit, den zweiten Teil des Traumgesprächs auch noch auf den Markt zu werfen: „Helene, es kommt noch viel besser. Als ich fragte, warum er denn keine zweite Fassung geschrieben hätte, sagte dieser Dürrenmatt-Geist: „Ich hatte sie fertig, aber ich hatte sie versiegelt und ins Testament aufgenommen. Ich wollte das wie Goethe mit dem zweiten Teil des Faust machen. Aber einmal, ich war damals schon ziemlich krank, wollte ich mir die zweite Fassung noch mal durchlesen. Ich bin da wie immer mit meinem Boot und ein paar Weinflaschen auf den See gefahren. Aber dann kam plötzlich Wind auf – ich wurde etwas hektisch und wollte schnell wieder ans Ufer. Und da ist mir das Manuskript ins Wasser gefallen, war wirklich ein blöder Zufall.“

Nörgens atmete sichtlich auf – dann schaute er seine Kollegin erwartungsvoll, aber auch ein bisschen besorgt an. Aber die hatte nur einen einzigen Gedanken und in dem lag die ganze Last ihrer Vorbereitung auf dieses Physiker-Thema: „Hätte dieser Zufall nicht schon bei der ersten Fassung zuschlagen können.“

Das konnte sie aber für sich behalten, denn es schellte. Sie begnügte sich also damit, ihrem Kollegen sanft auf die Schulter zu klopfen. Dann gingen beide in den Unterricht.

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